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Gestresste Kleinkinder

Votum von Kantonsrätin Marlise Bornhauser an der Grossratssitzung vom 09.01.2019

Die ersten 6 Lebensjahre sollten die Kinder zu Hause verbringen. In einem stabilen Umfeld, mit wenig Wechsel der Bezugspersonen. Das gibt Stabilität und Boden unter den Füssen.
Ich weiss, das ist ein Wunschdenken und heute leider nicht mehr realistisch. Wie der Regierungsrat zu Beginn seiner Antwort erwähnt: «Die ausserfamiliäre Betreuung von Kleinkindern stellt eine gesellschaftliche Realität dar und entspricht einem in der Bevölkerung vorhandenen Bedürfnis».
Ja, es ist ein Bedürfnis unserer Gesellschaft, Kinder so früh als möglich fremd zu betreuen um so bald als möglich wieder in den Arbeitsprozess einzusteigen. Die meisten wollen es, manche müssen, ich denke da vor allem an Alleinerziehende, die auf ein Einkommen angewiesen sind. Für die, welche müssen, unterstützen wir gute Tagesplätze.
In der Betreuung gibt es aber grosse Unterschiede: Beide Elternteile reduzieren und teilen sich die Betreuung auf, oder Grosseltern engagieren sich – oder ein Elternteil verzichtet ganz auf eine Beschäftigung Ausserhaus und bleibt eine Zeit lang zu Hause und investiert seine Zeit in die Kinder – optimal! In der Geborgenheit einer Familie aufzuwachsen, das sind gute Voraussetzungen für einen gelungenen Start ins Leben.
Ich weiss, nicht alle Familien können diese Geborgenheit bieten.  Eltern setzen andere Prioritäten, Einelternfamilien bleibt nichts anderes übrig, als ihr oder ihre Kinder ausserfamiliär zu betreuen. Kleinkinder im Stress haben viele Ursachen, da sind gut geführte Kitas ein kleineres Übel.
Erwiesenermassen sind häufig wechselnde Bezugspersonen ein Stress für kleine Kinder. Das Fehlen eines Elternteils stresst; das Auseinanderfallen einer Familie stresst; mangelnde Betreuung oder Gleichgültigkeit der eigenen Eltern stresst; Suchtverhalten eines oder beider Elternteile stresst; zu häufige und zu frühe Beschäftigung mit elektronischen Medien stresst; kranke Geschwister oder Eltern mit psychischen Problemen, stressen; Sog. Patchworkfamilien können auch stressen  - Stressfaktoren sind vielfältig…
Das sind Umstände, welche die Politik nicht oder nur ganz gering beeinflussen kann.
Rahmenbedingungen sind vorhanden, Kinder mit schwierigem, familiärem Hintergrund zu unterstützen. Schulen investieren in Heilpädagogen, Schulsozialarbeit, Förder- und Stützunterricht, Hausaufgabenhilfe, DAZ, SchulassistentInnen und einiges mehr. In der Schule nimmt die Anzahl Schüler zu, welche therapeutisch begleitet werden müssen, verschiedene Verhaltensauffälligkeiten fordern die Lehrpersonen heraus. Das ist die Realität.
Steuererleichterungen für Familien, die ihre Kinder zu Hause betreuen, sind sicher noch zu optimieren. Den Vorschlag der Interpellanten, auf einen steuerlichen Abzug bei Kitakindern unter 3 Jahren zu verzichten, finden wir interessant.
In all den Zahlen und Fakten frage ich mich:
Wo wären die Kinder am liebsten, wenn sie einfach so wählen könnten?